Einblick in die Tuntentinte Nr. 16

Der folgende Text erschien in Tuntentinte Nr. 16 (März 1999)

Dr. Lore Logorrhoe: Queer – Tell me what it´s all about!

Wie alles anfing

Queer entstand Ende der 80er Jahre in den USA. Es umfasste zum einen eine politische Bewegung und zum anderen als Queer Theory einen Denkansatz, der diese Bewegungen analysiert, aber auch unabhängig davon arbeitet. Der Hintergrund, aus dem sich das queer movement ableitet, ist vielfältig. Ein zentraler Beweggrund waren die sozialen Folgen aus der Epidemie AIDS.

Vor allen zu Beginn wurden über AIDS massiv homofobe Vorurteile geschürt, indem die Krankheit nur mit Homosexualität in Verbindung gebracht wurde und Homosexualität selbst wieder zur Krankheit wurde, deren gerechte Strafe angeblich AIDS war. Die Erkrankten und Infizierten wurden völlig alleine gelassen, das Problem AIDS von der Reagan-Administration total ignoriert, keine Gelder zur Erforschung und zur Versorgung bereitgestellt. Da es in den USA keine gesetzliche Krankenversicherung gibt, konnten sich viele die teuren Therapien nicht leisten oder verarmten an deren Kosten und weil sie nicht mehr arbeitsfähig waren. People of colour, die traditionell den ärmeren Schichten angehören, waren dadurch besonders betroffen, aber auch Weiße aus dem Mittelstand.

Die Gruppe der von der Epidemie Betroffenen entsprach allerdings auch nicht dem bisherigen Selbstverständnis der Gay Community. Die Krankheit betraf auch Stricher, Huren und FixerInnen, zu denen bis dahin keine Sympathien bestanden hatten. Das Virus macht auch keinen Unterschied, ob jemand out oder versteckt lebt.

Aus dieser Situation entwickelte sich eine aggressive Politik der Wut. 1987 wurde Act up (AIDS Coalition To Unleash Power) gegründet, das mit seinen spektakulären und medienwirksamen Aktionen auf die Situation der Schwulen mit HIV und AIDS aufmerksam machte. Um die Präventionsbotschaft von safer sex sinnvoll zu vermitteln, mussten die bisherigen Identitätsvorstellungen infrage gestellt werden. Männer, die Sex mit anderen Männern hatten, mochten sich zwar nicht als schwul verstehen, weil ihrer Kultur ein anderes Konzept von Homosexualität zugrunde lag, waren aber genauso gefährdet. Außerdem war es notwendig über Sexualpraktiken zu sprechen, um das unterschiedliche Infektionsrisiko zu beschreiben und das waren oft Dinge, die der heterosexuellen Öffentlichkeit die Schamesröte ins Gesicht treiben mussten.

Diese Kritik am Identitätsbegriff der Gay Community traf sich mit einem generellen Unwohlsein, das viele Schwulen und Lesben durch die fortschreitende Institutionalisierung der Bewegung beschlichen hatte. Schwule und Lesben wurden wie separate ethnische Gruppen betrachtet, die wie andere ethnische Minderheiten – Schwarze und Farbige – ihr Recht auf Gleichberechtigung einforderten. Dabei wurde aber stillschweigend von einem weißen mittelständischen mainstream ausgegangen, der zahlungskräftig und assimilationswillig war. Schwule und Lesben aus anderen ethnischen Gruppen, Tunten, SMerInnen und Prostituierte wurden dabei aber an den Rand gedrängt.

Queer Politics versuchten diese randständigen Positionen in den Mittelpunkt zu rücken, indem sie schrilles Auftreten und theatralische Performances favorisierten, so die kiss ins und die ins. Die New Yorker Börse wurde besetzt und ein Transparent entrollt, auf dem die Macht, die die Pharmakonzerne gegenüber den HIV-Positiven und AIDS-Kranken haben, angeklagt wurde. Die Menschen, die nun auf die Straßen gingen, bildeten eine neue Koalition, die auch als rainbow coalition bezeichnet wurde, weil sie so vielfältig war und die Menge alljener beschreiben sollten, die von der Gesellschaft zu AußenseiterInnen gemacht wurden und diesen Widerspruch zur Mainstream-Kultur aggressiv austrugen.

Mit der Verantwortung für die Pflege von Kranken sah die Gay Community plötzlich die Tragfähigkeit ihrer sozialen Bindungen geprüft, und die Vergegenwärtigung von Krankheit und körperlichem Verfall denunzierte den schwulen Schönheits- und Körperkult. Auch die Schwulen und Lesben, die sich vor ihrer Erkrankung noch in dem Glauben gesellschaftlicher Anerkennung wähnten, wurden nun auf einmal wieder mit der Homofobie der Hetero-Gesellschaft konfrontiert: LebenspartnerInnen wurde der Zugang zum Krankenbett verweigert, die Trauer Hinterbliebener wurde missachtet, die Krankheit wegen ihrer Stigmatisierung verheimlicht, die gesellschaftliche Nichtigkeit homosozialer Bindungen und die Notwendigkeit einer politische Organisation unter Beweis gestellt. Obwohl Lesben nicht im gleichen Maße der Epidemie zum Opfer fielen, litten sie dennoch genauso unter der wachsenden Homofobie. Seit Mitte der 80er Jahre versuchten rechte PopulistInnen – in einem Klima zerbröckelnder us-amerikanischer Wirtschaftsmacht – die mühsam errungene Entkriminalisierung und die in wenigen Teilstaaten bestehenden Anti-Diskriminierungsgesetze wieder zu kippen. Darin lag unter anderem ein Grund, weshalb viele AktivistInnen von der separatistischen Politik der 70er Jahre abrückten und wieder neu die Zusammenarbeit suchten.

Der Ausdruck queer bot sich deshalb an, weil er im Englischen relativ unbestimmt all jene bezeichnet, die nicht in das Weltbild der US-amerikanischen moral majority, also der weißen christlichen heterosexuellen Kleinfamilie, passen. Queer ist ein absolutes Schimpfwort, lässt sich am besten mit „pervers“, „abartig“ übersetzen und die Selbstbezeichnung als queer hat deshalb immer schon einen sehr aggressiven, kämpferischen Charakter, ähnlich den Wörtern „schwul“, „Krüppel“, „IrreR“…

Wenn man queer im Deutschen unübersetzt beibehält, geht deshalb etwas verloren. Queer ist also erst mal nicht gleichbedeutend mit „schwul-lesbisch“, sondern umfasst verschiedenste Angriffe auf die Geschlechter- und Sexualitätsordnung von Mann/Frau und Homo/Hetero, also auch Transsexuelle, Transvestiten, Fummeltunten und Geschlechtsuneindeutige. Es geht daher nicht um den Einschluss in die Mehrheitsgesellschaft, sondern um den Angriff auf ihr Zentrum. Heterosexualität als Herrschaftssystem, das Körper und ihr Verhältnis zueinander normiert und diese auferlegte Ordnung als natürliche, immer schon da gewesene postuliert, steht nun im Kreuzfeuer der Kritik. Als „Opfer“ dieser Normierungen müssen daher nicht nur Schwule, Lesben, Trans- und Intersexuelle gelten, sondern auch Krüppel und Irre.

Wer jetzt glaubt, dass queer als politische Perspektive zu beliebig wird, sollte zum einen bedenken, dass es sich hier um eine Bündnispolitik handelt, die die in ihr zusammengeschlossenen Identitäten keineswegs nivellieren soll und dass zum anderen das System, das diese Ausschlüsse vollzieht, alles andere als beliebig vorgeht. Es gehört eben zum diskreten Charme heterosexueller Herrschaft, dass sie Bereiche durchzieht, die auf den ersten Blick nichts miteinander und schon gar nichts mit Sexualität zu tun haben: Privatheit und Öffentlichkeit, „Nation“ und „Rasse“, Natur und Kultur, Wahrheit und Geheimnis, Frau und Mann, Mutter und Kind, Begehren und Identität.

Weil in den USA die heterosexuelle Kleinfamilie als Keimzelle der „Nation“ gilt, die ihre Reproduktion und ihre Reinheit sichert, wurde als bewußte Provokation dieser Vorstellung 1990 Queer Nation gegründet. „We’re here, we’re queer! Get used to it!“ war einer der Slogans, der auf den Demonstrationen von Queer Nation skandiert wurde. 1992 entstanden die Lesbian Avengers („Lesbische Rächerinnen“), die ähnliche öffentlichkeitswirksame Auftritte machten, z. B. vor Schulen gegen das Totschweigen von Homosexualität im Lehrplan demonstrierten und die Schulkinder fragten, was sie denn über Lesben dort gelernt hätten.

Wie es weiterging

Mit der vermeintlichen Entdramatisierung der AIDS-Krise und der vermeintlich toleranteren Clinton-Administration hat das queer movement, zumindest in den USA, an Bedeutung verloren. Viele der genannten Queer-Gruppen existieren nicht mehr. Transsexuelle und sogenannte gender non-conformists haben sich im transgender movement gesammelt, weil sie sich einer zu starken Dominanz Schwuler und Lesben und damit einer Überbetonung von Sexualität gegenüber Geschlecht innerhalb der queer-Bewegung entziehen wollten.

Queer selbst ist teilweise zu einer Modeerscheinung geworden. Die Konjunktur von queer beschränkt sich dabei allerdings auf die bloße Oberfläche bestimmter subkultureller Lebensweisen, die als extravaganter lifestyle konsumierbar und vermarktbar gemacht werden. „Die diskursive Trennung von Politik und Sexualität wird fortgeschrieben. Im liberal-bürgerlichen Diskurs sind ›Wahlmöglichkeiten‹ individualisiert und privatisiert, und damit in ihren herrschaftlichen Dimensionen entnannt. Sexualität als Marker und Ausdruck des Selbst steht durch die Expansion der Vermarktungslogik nicht in Frage, nur wird der Status der Heterosexualität darin widersprüchlicher.“ (Corinna Genschel: „Umkämpfte sexualpolitische Räume. Queer als Symptom“ in: Sabine Hark / Stefan Etgeton: Freundschaft unter Vorbehalt. Chancen und Grenzen lesbisch-schwuler Bündnisse, Berlin 1997, S. 91.)

Homosexualität bleibt dabei aber eine Luxuserscheinung, die in wirtschaftlich stabilen Zeiten mit Toleranz rechnen kann, in Krisensituationen aber schnell wieder über Klischees von Dekadenz, Überfluss und Maßlosigkeit alte Homofobien mobilisieren kann. Ganz abgesehen davon, dass nur wenige schwule und lesbische Lebensrealitäten diesem Bild entsprechen.

Was ist queer in der EU, was kann es werden?

Zum Glück gibt es zurzeit in Westeuropa noch ein relativ gut funktionierendes Krankenkassensystem, das im Zusammenhang mit HIV und AIDS nicht zu den gleichen sozialen Katastrophen geführt hat wie in den USA. Der Bundestag stellte relativ bald – anders als beispielsweise in Frankreich – Gelder für die AIDS-Hilfe zur Verfügung und entschloss sich zu einem Aufklärungskonzept anstelle eines anfangs ebenfalls diskutierten Absonderungs- und Internierungskonzeptes zur Seuchenbekämpfung. Außerdem wurde das Wiedererstarken nationalistischer Diskurse in Deutschland weniger an die Wahrung sexueller Reinheit als an den Erhalt „völkischer“ Reinheit geknüpft und führte deshalb nicht zu homofoben, sondern zu nicht minder abstoßenden fremdenfeindlichen und rassistischen Kampagnen, wie wir jüngst wieder miterleben mussten.

Dadurch haben unterschiedliche Voraussetzungen bestanden für den Import von Queer-Politics in den BRD- und EU-Kontext. Queer Politics als Praxis hat hier nicht dieselbe Wichtigkeit erlangt. Das Wort steht vor allem für gemeinsame subkulturelle Organisationen von Schwulen und Lesben, die oftmals keinen politischen, sondern einen rein kommerziellen Anspruch verfolgen.

Trotzdem hat es politische Gruppen und Aktionen gegeben, die sich mit Queer-Politics vergleichen lassen. In Berlin gründete sich Queer Action analog zu Queer Nation. Ähnliche Importphänomene sind Act up und SPI (Schwestern der perpetuellen Indulgenz) im Bereich des AIDS-Aktivismus. Die „Schwestern“ haben es sich in ihr Stammbuch geschrieben immerwährende Ablass für alle Sünden gewähren zu wollen, um die HIVchen von Schuldgefühlen zu erlösen. Trotz dieses für einen Katholiken / eine Katholikin schwer zu verdauenden Dogmas bemühen sie sich aufrichtig um die Anerkennung ihres Ordens von höchstpäpstlicher Stelle, die bislang leider noch aussteht. (Die Tuntentinte wird weiterhin berichten.) Im Fummel werben sie um Spendengelder und leisten Präventionsarbeit in Szenekneipen.

Die Tuntenterrortour dürfen wir natürlich auch dazu rechnen, außerdem den Rattenwagen auf dem Berliner CSD 1997 und die Queer Adventure Tours der Queerulanten.

Da sie auf die Sichtbarkeit sonst unsichtbar gemachter Lebensrealitäten zielt, hat Queer Politics oft Performance-Charakter und tritt schrill und aggressiv auf. Parodie und Travestie gehört zu einer beliebten Methode, um die gesellschaftlich mächtigen Normalitätsvorstellungen ins Wanken zu bringen. (Wo diese Parodie allerdings zum Karneval verkommt, wie auf den jüngeren CSD-Paraden, kann man schwerlich von queer politics reden.) Queer Politics hat daher oft mehr mit Kommunikationsguerilla zu tun als mit zentraler Massenorganisation. Queer hat kein Parteiprogramm, das würde auch dem Bündnischarakter zuwider laufen. Queer ist außerdem keine StellvertreterInnenpolitik, sondert setzt an der Lebensrealität des einzelnen / der einzelnen an. Queer ist vor allem keine neue Heilslehre! Man ist nicht queer, außer man tut es!

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