Oktober 2011: 20 Jahre Homoland

Aufruf, mit dem im Oktober 2011 dieses Blog gestartet wurde:

20 Jahre Homoland – das Wunder lebt

1992 wurde die bezaubernde Idee geboren, sich zwei mal jährlich auf dem Lande zu treffen, um sich zu vernetzen, zu diskutieren, Urlaub zu machen. Eine Landwoche von und für gestresste, linksradikale Großstadttunten.

Gestresste, linksradikale Großstadttunten?
Gestresst von existenzsicherung, gestresst von von den mühen linksradikaler Politik aber vor allem auch getsresst von der Situation oft der einzige schwule mann in heteronormativ geprägten linksradikalen Gruppen, Initiative, Hausprojekten und Wagenplätzen zu sein.

Bis heute gedeiht dieses Kleinod auf wechselnden Landgütern, Ferienhäusern oder Skihütten. Im Laufe der Jahre wuchs und schrumpfte und wuchs und schrumpfte die im Frühling und Herbst an den unterschiedlichsten Orten stattfindende Institution Homoland.
Im Laufe der Zeit wurde zu allerlei Themen diskutiert, gearbeitet, agitiert, gehandelt, gebastelt und gestritten. Zum Beispiel über Homophobie in der Linken, SM, Kommunismus, Coming out, Antimilitarismus, Prostitution, sexualisierte Gewalt, Patriarchat, AIDS, Freundschaft, Erotik und Queer.
Manchmal wurden Kurzfilme gedreht, Dildos gebaut, ergebnislos aus dem Plenum gegangen, gezielte Aktionen gegen Nazis, Homo-/Transphobe Personen, bürgerliche Kackscheiße, den Castor und noch vieles mehr vorbereitet und durchgeführt… Wir fröhnen leiblichen Lüsten und lustvollen Lastern, spielen Croquet und entspannen am Kamin.

Die Homolandwoche ist selbst organisiert und wird inhaltlich und kulinarisch von allen Beteiligten gestaltet. Sie ist immer so toll oder so langweilig, so aufregend oder so stressig wie die Teilnehmer_innen.
Und wir konstruieren und dekonstruieren Identitäten – manchmal. Denn zur Homolandwoche kamen und kommen verschiedenste Personen zusammen. Die bisherigen Teilnehmer_innen zu beschreiben, stellt eine komplizierte Herausforderung dar. Einen Versuch haben wir trotzdem unternommen. Wir sind u.a. linksradikale Schwule, verschiedenerlei Queers, schwule Autonome, autonome Schwule, schwule Transen, Tunten, homo….

Medium für die Einladung, für AG-Vorschläge, Berichte, Bilder, theortische Beiträge, Fotolovestories, Rezensionen, selbstgemachte erotische Bilder, Kochrezepte und vieles mehr war die Tuntentinte. Am Anfang ein kopierter Rundbrief, später eine gedruckte Broschüre im Abo und in linken Infoläden zu erhalten die die teilweise auch sehr kontroversen Diskussionen dokumentierte. Später dann wieder reduziert zur Tuntentinte extract und danach zur Tuntentinte electronic im PDF Format zum selbst ausdrucken macht die Tuntentinte gerade eine verschnaufpasue um dann evtl wieder reisserische Themen zu streuen.

Continue Homoland?
Yes
No
Maybe
don´t like that
what´s homoland
I´m hungry
will see

Im April 2012 bereisen wir das traumhaft schöne Brandenburg ganz in der Nähe von Berlin. Auf der letzten Herbstlandwoche 2011 im Oberharz haben wir folgendes Schwerpunktthema für diese Homolandwoche entwickelt:

20 Jahre Homolandwoche – schwul? oder queer? – oder was?

Schon vor ca. 10 Jahren diskutierte die Homolandwoche an dieser Frage (nicht zum letzten und einzigem Mal). Und warum jetzt schon wieder?

Mittlerweile gibt es eine starke Queerszene, Queer ist eine wissenschaftliche Theorie, die in der Akademie schon etabliert ist und ein immmer breiter werdendes Interesse weckt. Daraus ergeben sich auch für die Homolandwoche fragen:

Ist eine schwule Identität in unserer heutigen Zeit und unseren politischen Zusammenhängen noch wichtig und sinnvoll oder deckt der queertheoretische Diskurs alles ab?
Wäre eine queere Homolandwoche nicht besser geeignet hegemoniale Männlichkeit in den Fokus zu nehmen und dem gender Dualismus so eins auszuwischen, als eine Landwoche linksradikaler Schwuler?
Beschreibt schwul die Beteiligten der Homolandwoche noch korrekt, definieren wir uns selbst als schwul oder eint und nur, dass wir als schwul wahrgenommen werden?
Schließt die Selbstdefinition als schwule Homolandwoche nicht Menschen aus, die Interesse an unseren Diskussionen haben und an deren Beteiligung wir interessiert wären?
Wie können wir aus einer schwulen und/oder queeren Perspektive linksradikale Politik in Theorie und Praxis weiterentwickeln?

Diese Fragen möchten wir auf der nächsten Homolandwoche mit sich als schwul definierten Menschen jeglichen Geschlechts und schwul lebenden Menschen jeglicher Definition diskutieren.