Einladung zur Diskussion

Die Homolandwoche – ein linksradikales schwules Projekt stellt sich in Frage. Noch lebendig oder nach 22 Jahren am Ende?

Auf der Herbstlandwoche 2013 konfrontierten wir uns mit der Realität der stetig schrumpfenden Anzahl von Teilnehmern* und stellten in Frage ob dieses sehr lieb gewonnene Kleinod noch seine Berechtigung hat oder wie wir ihm wieder neues Leben einhauchen können. Ein Abriss und ein Aufruf.

Damals….1992

Den Alltag mit Häuser besetzen und instand halten verbringen, Bauwagenplätze erkämpfen,  Sozialhilfe beziehen und/oder der gut bezahlte Job in der Druckerei, der kaum Zeit in Anspruch nimmt aber genug Geld abwirft, Voküs und nächtelange Plena, sich orientieren in übergestülpten Wertesystemen und dabei Wege beschreiten die mal offen sind und sich mal als Sackgasse erweisen. Viele Radikale Ideen, einige davon erfolgreich weitergesponnen und immer der einzige Schwule weit und breit. Männer die abrücken, einem erzählen was sie so beneiden an schwulem Leben aber sie das leider eklig finden, Frauen die immer begeistert von der Feinfühligkeit sind dir aber nie dein Kind oder gar Lebensabschnittpartner anvertrauen. So oder ähnlich könnte es gewesen sein – damals 1992.

Die Homolandwoche wurde ausgerufen um sich in einem explizit schwulen, linksradikalem Rahmen zu treffen und politisch zu arbeiten. Viel ist geschehen, diskutiert und umgesetzt worden, an etlichem wurde gestritten und das in einem langen, mehrere Landwochen umspannenden Prozess, anderes gelang von heute auf morgen – auf jeden Fall aber produzierte die Homolandwoche immer einen mal mehr mal weniger öffentlich wahrnehmbaren schwulen und linksradikalen Standpunkt, oder bot die Möglichkeit diesen zu erarbeiten. Dabei hat uns der auf der Homolandwoche gelebte „andere“ Alltag, mit Dekadenz und D.I.Y. in der heimatlichen Realität begleitet und beflügelt. Ist schon toll.

Und jetzt?

Zweiundzwanzig Jahre später sind die Leben andere. Klar, die eine oder andere ist älter geworden aber vor allem haben sich die Rahmenbedingungen verändert. Die Annahme, daß es global keine Alternative zur kapitalistischen Kackscheiße gibt, scheint  Lebensrealität geworden zu sein. Ohne Lohnarbeit ist in Zeiten von Hartz IV kein Freiraum außerhalb enger Grenzen mehr erreichbar und politisches Arbeiten bedeutet überwiegend Abwehrkampf um zumindest den Status Quo zu erhalten. Dafür hat unser Schwulsein den exotischen Touch in den Augen der Anderen verloren und wir finden uns auf einem mal von Queertagen und Partys umzingelt (zum Teil weil wir das selber sind), es sei denn unser Lebensmittelpunkt ist die Provinz…

Aber ist es das was uns abhält Homoland zu leben?

Es wäre Quatsch zu behaupten, wir wären die letztverbliebenen aufrechten rosa Radikalen, aber genauso ein Quatsch ist es zu denken wir wären im Mainstream ersoffen. Das gute Dutzend verlässlicher Homoländerinnen lebt in mal mehr mal weniger bequemen Nischen die eine politische Relevanz oder zumindest Strahlkraft haben. In unseren Alltagen findet  politische Arbeit statt, sei es antimilitaristische Praxis, aktive Antifa, Unterstützung von Geflüchteten, Verteidigung autonomer Zentren, Mitgestaltung der Recht auf Stadt Bewegung, Genderpolitik, … .

Oder sind wir nur faul geworden?

Unser Anspruch geht über gemeinsame Urlaubswochen hinaus, erreicht aber auch nicht mehr den einstigen Anspruch der HLW. Der soziale Zusammenhang der sich mit den Unterschiedlichen Menschen in den Unterschiedlichen Jahren ergeben hat ist für uns ein wichtiger Bezugspunkt in unserem Leben. Wir diskutieren, informieren uns über unsere jeweiligen Auseinandersetzungen und politischen Aktivitäten, befruchten uns dabei gegenseitig und kommen punktuell auch zu gemeinsamen Aktionen. Und wir haben es bisher geschafft regelmäßig, zwei mal im Jahr, einen Raum zu schaffen der eine Idee einer kollektiven, schwulen und linksradikalen Gesellschaft aufploppen lässt.

Die Homolandwoche war und ist ein Raum, alle halbe Jahr auf dem Land, der immer wieder gefüllt werden kann durch das was jeder hierher mitbringt, sich selbst, AG-Themen, Spiel mit der Identität oder ihre Realität, Musik und Film, Gesprächsbedarf oder Antworten, Frühlingskräuterrezepte, Croquet, Transparente-Malen, Spuckis-Entwerfen, Aktionen im Umfeld, Massage-Workshop, …..

Aber es ist eben auch nicht mehr der Zusammenhang der eine Tuntenterrortour auf die Beine stellt, den bürgerlichen CSD aufmischt oder durch die regelmäßige Herausgabe der Tuntentinte die autonome Debatte mit schwulen/geschlechterdekonstruierenden Beiträgen stört und bereichert.

Dieser Raum wird aber immer weniger besucht/ genutzt und die Dynamik und Dichte hat deutlich abgenommen. Sei es weil der eigene Alltag nicht die Zeit übrig lässt etwas vorzubereiten und mitzubringen, das persönliche Bedürfnis sich verändert hat, die Lebensumstände und Ansprüche, ebenso wie die  Kommunikation Andere sind als vor 22 Jahren.

Homoland bleiben die Teilnehmer aus …

…und nun stellt sich uns die Frage ob, wie, warum, in welcher Form und in welchem Umfang Homoland weiter gehen soll…

Ist es besser Homoland als lebendiges Projekt zu beenden, wollen wir Homoland „behalten“ und mit neuem Leben, neuen Leuten füllen, soll die Art der Zusammenkunft weiterlaufen, aber der Name „Homoland“ stimmt einfach nicht mehr und wird gestrichen?

Diese Fragen stellen sich mittlerweile und die kommende Homolandwoche soll nun dazu genutzt werden darüber zu sprechen, diskutieren, streiten… und zu entscheiden, was dann weiterhin mit Good-Old-Homoland passieren soll. Klar ist: Mit zehn Personen wird die Landwoche auf Dauer nicht so weiterlaufen.

Frage was du für Homoland tun kannst – und lass dich überraschen was Homoland für dich tut.

Dazu ist es wichtig und wäre schön und ist wichtig, und wäre so schön, dass Leute auftauchen. Leute denen dieses Projekt am Herzen liegt oder die es verändern möchten, von der HLW noch etwas erwarten und hier ihre Zusammenhänge treffen wollen oder neue schaffen möchten, können sich gerne blicken lassen und natürlich auch jeder der von der Homolandwoche gehört hat und noch immer nicht hier war. Wer also mitgestalten möchte am Fortbestehen oder Beenden von Homoland.

Die kommende wird eine spannende Landwoche werden, und lieber mit mehr als weniger Teilnehmern*, lieber mit mehr Energie als mit weniger, lieber mit mehr Lust und Laune zu Diskutieren und auf AG´…. ihr wisst schon was wir meinen, oder.

Konkret!

Du bist schwul, mann-männlich begehrend; bisexueller Mann, Queer oder Trans mit schwuler Biographie und hast vom 16.04. – 21.04. (Ostern) Zeit, Lust und Energie mit uns im Wendland zu sein, dann melde dich bei homoland.net.

Und/oder beteilige dich hier an der Diskussion im Blog:

Eine Antwort auf Einladung zur Diskussion

  1. Profile photo of tompurpur tompurpur sagt:

    2000 fuhr ich zu meiner ersten homolandwoche in der schweiz und fand es toll. während in meinem alltag politisches und schwules leben wenig miteinander zu tun hatte, kam beides hier zusammen, mit vielen arbeitsgruppen zu fragen, wie wir die welt verändern aber auch zum schwulen alltag und mit viel zeit zum spielen, kochen, feiern, … ich war begeistert und habe mich geärgert, nicht schon in den jahren davor dabei gewesen zu sein. das setzte sich noch ein paar jahre fort, es gab immer wieder neue themen, es entstanden filme, aufwändig gestaltete tuntentinten (der homoländischen zeitschrift), workshop‘s auch zu neuen spannenden themen meiner persönlichen auseinandersetzung wie pornografie und SM, politische aktionen gegen homophobie und militarismus und für die sichtbarkeit einer alternativen, linksradikal-queeren lebensweise.

    aber irgendwann wurden es auch immer weniger menschen auf den homolandwochen. auch wenn es immer mal wieder die eine oder den anderen „neuen“ gab, so waren die wochen in den letzten jahren doch weit entfernt von der homoländischen aktivität früheren jahre. es gab wochen, auf denen nur noch an einzelnen tagen mehr als zehn menschen da waren, weil einige sich auch nicht mehr eine ganze woche zeit nehmen konnten oder wollten. und arbeitsgruppen, kreative projekte, politische aktionen gab es auch nur noch vereinzelt.

    trotzdem bin ich immer wieder gerne gekommen, habe mich gefreut homoländische freund_innen wieder zu sehen, fand es gut wenn es vereinzelt noch arbeitsgruppen, projekte und aktionen gab, war aber auch zufrieden wenn es ‚nur‘ einfach mal ein paar tage raus aus meinem alltag waren.
    aber wird ein ankündigungstext, der vor allem die vielfalt der vergangenheit feiert und nicht so recht damit rausrückt, dass das heute alles nicht mehr so bunt ist wie die historische betrachtung suggeriert, dem noch gerecht? schlimmer noch, ein text mit mit einer art haftungsausschluss auch noch denjenigen die schuld daran gibt, die dann doch noch kommen, wenn geschrieben wird, die homolandwoche „ist immer so toll oder so langweilig, so aufregend oder so stressig wie die Teilnehmer_innen“?

    müssten wir nicht ehrlicher weise sagen: es gab mal eine homolandwoche auf der viele tolle sachen passiert sind und von der viele tolle sachen ausgegangen sind. und die, die sich daran gerne erinnern, die kontakt halten wollen oder die, die gerne mit ein paar leuten aus dieser zeit ein paar tage auf dem land verbringen möchten treffen sich regelmäßig zu einem homoländischen klassentreffen?

    ich bin da auch nicht so sicher. die homolandwoche wurde in den letzten 22 jahren schließlich immer mal wieder totgesagt und der homoländische phönix ist auch ein paar mal aus der asche auferstanden. vielleicht passiert das ja ostern (was für ein symbolträchtiges datum 😉 ja mal wieder. vielleicht aber auch nicht und dann sollten wir ehrlich genug sein, für die zukunft nicht mehr zu versprechen als wir halten können.

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